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    „4 Blocks“: „Ab jetzt spielen wir Champions League“

    Gefeierte TNT-Serie mit neuen spannende Charaktere etwas überladen

    "4 Blocks": "Ab jetzt spielen wir Champions League" – Gefeierte TNT-Serie mit neuen spannende Charaktere etwas überladen – Bild: TNT Serie
    Toni (Kida Khodr Ramadan) in Staffel 2 von „4 Blocks“

    Drei deutsche Fernsehpreise, Goldene Kamera, Grimme-Preis – das ist nur die Crème de la Crème der Auszeichnungen, mit denen der ersten Staffel von „4 Blocks“ letztes Jahr gehuldigt wurde. Sechs Folgen in der Pay-TV-Nische von TNT Serie: Zuvor hätte wohl niemand erwartet, dass das Gangsterfamiliendrama aus den Straßen von Berlin-Neukölln derart einschlagen würde: Manch einer zog „Die Sopranos“- und „Der Pate“-Vergleiche, manch anderer sah in „4 Blocks“ gar das Beste, was das deutschsprachige Serienwesen in diesem Jahrzehnt hervorgebracht hat. Tatsächlich nahm die frische Unbekümmertheit, mit der der österreichische Regisseur Marvin Kren die Kamera frei durch die Clan-Kriminalität der Hauptstadt flottieren ließ, zu deutschen Gangsta-Rap-Beats und den erstaunlich authentisch klingenden Dialogen des „You Are Wanted“-Autorentrios HaRiBo (HAnno Hackford, RIchard Kropf und BOb Konrad), unterstützt vom glänzenden Cast mit vielen Schauspielern und Rappern mit Migrationshintergrund, sofort für die Serie ein. Allerdings waren es eben nur sechs 50-minütige Folgen, die, retrospektiv betrachtet, doch einiges an Charaktertiefe vermissen ließen. „Sopranos“? Etwas zu hoch gegriffen.

    Dass es nun sieben weitere Episoden gibt, ist trotzdem eine tolle Nachricht. Erstens, weil die (verbliebenen) Hauptfiguren nicht mehr groß eingeführt werden müssen und sich nun die Chance eröffnet, Verpasstes nachzuholen und den Figuren etwas mehr Basis einzuziehen, zweitens, weil die Geschehnisse um den libanesischen Drogenpaten Toni Hamady, seinen Aggro-Bruder Abbas, ihre renitenten Frauen und das Doppelspiel des Undercover-Bullen Vince so spannend aufbereitet wurden, dass man davon gerne Nachschlag bekommt. Die jüngsten Entwicklungen auf dem Feld der Berliner Clan-Kriminalität (die Konfiszierung von 77 Immobilien einer arabischen Großfamilie im Juli, das 2000-Mann-Begräbnis des von Rivalen erschossenen Clan-Schergen Nidal R. im September) finden in Staffel 2 natürlich noch keinen Widerhall, sie verleihen der Serie aber nochmals mehr zeitgenössische Relevanz als ohnehin schon. Es ist zu vermuten, dass sie, wie schon Staffel 1, besonders jene Zuschauer in einen moralischen Zwiespalt stürzt, die sich auf der einen Seite besonders heftig über vermeintlich überhandnehmende migrantische Kriminalität empören und auf der anderen Seite viel identifikatorische Bewunderung für Großgangster wie Toni Hamady aufbringen. Man nennt es auch das „Scarface“-Syndrom.

    Vieles hat sich geändert: Serien-Mitentwickler Kren hat die Regie an die Filmemacher Oliver Hirschbiegel und Özgür Yildirim (gangsterfilmversiert durch „Chiko“) abgegeben, außerdem sind zentrale Figuren aus Staffel 1 nicht mehr dabei: Vince überlebte das bleihaltige Finale ebensowenig wie Rockerboss Ruffi; die Darsteller Frederick Lau und (der übermütig gegen sein Image besetzte) Ronald Zehrfeld hinterlassen Lücken, die nicht so leicht so schließen sind. Es steht allerdings reichlich Ersatz parat. In den ersten beiden Episoden machen HaRiBo so viele neue Baustellen auf, dass es gar nicht so einfach ist abzusehen, welche davon in den Fokus rücken werden, während es leider relativ einfach ist abzusehen, worauf sie jeweils hinauslaufen werden.

    Toni (Kida Khodr Ramadan) mit neuer Sicherheit durch deutschen pass

    Wie im echten Leben ist die Erzählzeit um ein gutes Jahr vorangeschritten, Neukölln präsentiert sich im winterlichen Gewand. Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) hat von seinen Plänen, der kriminellen Welt Adieu zu sagen, Abstand genommen, im Gegenteil, er plant jetzt Größeres: „Ab jetzt spielen wir Champions League.“ Das Getrenntleben von seiner Frau Kalila (Maryam Zaree), die inzwischen ein Flüchtlingsheim unterstützt, und der Tochter Serin nimmt er dafür in Kauf. Zwar besitzt er inzwischen den deutschen Pass, doch sein Clan-Imperium muss er weiterhin strikt auf Kurs halten. Im Cold Opening zu Beginn sieht man ihn in Beirut versonnen die Heimaterde befühlen, ehe er die Konkurrenz ausbootet: Bei einem Deal in Beirut sticht er den Al-Saafi-Clan aus, der bislang in Berlin für die Drogenverteilung sorgte. Mit diesem „Breaking Bad“-Move wird in die Wege geleitet, was die Auseinandersetzung mit Ruffis Rockern in dieser Staffel dramaturgisch ersetzen wird: der erbitterte Fight um die Vorherrschaft mit den rachsüchtigen Al-Saafis, die den Hamadys schon bald tschetschenische Killerkommandos auf den Hals hetzen.

    Tonis Bruder Abbas (Veysel Gelin) musste am Ende der letzten Staffel in den Knast, aus dem er nun nicht wie geplant entlassen wird. Stattdessen wird er, sehr zur Überraschung auch von Clan-Anwalt Schönfließ (Tilo Nest), wegen Polizistenmordes zu lebenslanger Haft verurteilt – ein Schock für Abbas’ Frau Ewa (Karolina Lodyga, „Im Angesicht des Verbrechens“), die sich sehnlichst ein Kind wünscht. Abbas’ Story scheint sich nun vorwiegend im Gefängnis abzuspielen, wo Regisseur Hirschbiegel sich seit „Das Experiment“ natürlich bestens auskennt – und wo sich recht bald der Rapper Gzuz als Abbas’ Antagonist Frankie in Stellung bringt.

    Schlechte Überraschung für Abbas (Veysel Gelin)

    Diese parallele Konstellation raubt „4 Blocks“ ein wenig den Drive der ersten Staffel, die nicht zuletzt von der Rivalität des gesetzteren Toni und seines aufbrausenden Bruders lebte. Dafür scheint sich der um Vertrauen und Verrat kreisende „Departed“-Gedächtnisplot aus der ersten Staffel (Vince als Maulwurf) nun auf eine der Nebenfiguren zu übertragen: Handlanger Zeki (Rauand Taleb) saß für Toni ein Jahr lang im Knast und wird nun nicht etwa befördert, sondern weiterhin als Drogenlaufbursche rund ums Kottbusser Tor eingesetzt. Eine Demütigung, die der Al-Saafi-Clan nur zu gerne ausnutzen würde. Wird Zeki die Seiten wechseln?

    Viele der bekannten Figuren aus Staffel 1 sind weiterhin mit an Bord, Kemal etwa (Sami Nasser), Tonis Mann fürs Grobe, Tonis Schwester Amara (Almila Bagriacik, „Hördur – Zwischen den Welten“), die nach ihrem Flirt mit Vince nun, als scheinbar glückliche Mutter, weiter mit Latif (Massiv) zusammenlebt. Oder der hagere Cop Kutscha (Oliver Masucci, „Er ist wieder da“), der es obsessiv auf Toni abgesehen hat. Interessanter ist es aber, was mit den neuen Figuren so los ist: David Schütter („Unsere Zeit ist jetzt“) spielt im „The Wolf of Wall Street“-Modus den arroganten Spross eines Immobilien-Tycoons, der mit Toni ins Geschäft kommen möchte, die schwarze Rapperin Eunique das Kreuzberger Hiphop-Girl Isha, mit dem Zekis neuer Partner Maruf (Hassan Akkouch, „Hindafing“) in eine cross-kulturelle Romeo-und-Julia-Affäre schlittert. Den stärksten Eindruck hinterlässt indes der Tunesier Ahmed Hafiene als bebrillter Pate Mohammad Al-Saafi, der durch seine freundliche Sanftheit Gefahr ausstrahlt. Neil Malik Abdullah spielt, kaum weniger eindringlich, seinen Neffen Hamit. Die formvollendet kultivierte Erscheinung der beiden steht in spannendem Kontrast zum Trainingshosen-Chic der meisten Hamadys.

    Latif (Massiv) und Amara (Almila Bagriacik)

    Es ist eine Menge Stoff, der sich da schon in den ersten Folgen der neuen Staffel in den Erzählfluss drängt, und noch nicht einmal alle wichtigen Cast-Mitglieder sind bis hierhin bereits in Erscheinung getreten. Das Ergebnis wirkt fast überladen und hat etwas an Dringlichkeit eingebüßt. Ansonsten aber bleibt stark, was schon in Staffel 1 stark war: Kida Khodr Ramadan, der mit seinen melancholischen Augen so viel Schmerz und Verzweiflung ausstrahlen kann; der hiphopgetriebene Soundtrack (Rapper Ilfan „Gringo“ Kalender ist diesmal auch vor der Kamera dabei), dem die Komponisten Stefan Will und Marco Dreckkötter diesmal zwecks Spannungsförderung das aus keinem Score mehr wegzudenkende „Braam“-Dröhnen beigemischt haben (hier ein praktischer Button zur Dramatisierung des eigenen Alltags); und natürlich die real-existierenden Berliner Schauplätze: Es wirkt erneut so, als habe das Team mitten im Neuköllner und Kreuzberger Alltag gedreht. Kurzum: Auch wenn den neuen Folgen, vielleicht zwangsläufig, ein wenig von der freshness fehlt, die die Serie vor Jahresfrist so aufregend machte, sie haben nach wie vor genügend Punch. „4 Blocks“ ist weiterhin die beste deutsche Crime-Serie seit „KDD“.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der zweiten Staffel von „4 Blocks“.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: TNT Serie

    TNT Serie zeigt die zweite Staffel mit sieben Episoden von „4 Blocks“ ab dem 11. Oktober 2018 immer donnerstags um 21.00 Uhr. ZDFneo besitzt die Free-TV-Rechte.

    Trailer zur zweiten Staffel von „4 Blocks“

    10.10.2018, 17:32 Uhr – Gian-Philip Andreas/matmara.com

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für matmara.com rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Sveta am 10.10.2018 18:35 via tvforen.de

      Am Montag hatte Klaas Heufer-Umlauf in "Late Night Berlin" die beiden Hauptdarsteller zu Gast und fragte ins (sehr junge) Zielgruppen-Publikum wer die Serie kennt bzw. die ersten beiden Staffeln gesehen hat. Es meldeten sich 2 (Zwei!) Leute. Klaas und seine Gäste waren sichtlich geschockt und überrascht.
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